FUTTERMITTELALLERGIE BEI HUND UND KATZE

LEBENDE TIERWELT – Tierärztlicher Ratgeber für Tierfreunde - Heft Nr. 1 - 01/2002

Bedeutung von Diätfutter für Diagnostik und Langzeitbehandlung

von Prof. Dr. Jürgen Zentek, Tierärztliche Hochschule Hannover

Hilfe für Problempatienten

Unter Futtermittelallergien versteht man Unverträglichkeitsreaktionen, die nach erfolgter Sensibilisierung* auf einer Fehlregulation des Immunsystems* beruhen und durch eine definierte orale* Antigenaufnahme* provozierbar sind. Ihre praktische Bedeutung lässt sich zahlenmäßig schwer erfassen, da die Angaben über die tatsächliche Häufigkeit stark schwanken. Dies ist nicht zuletzt wegen der schwierigen Diagnostik und der Abgrenzung zu Unverträglichkeiten nichtimmunologischer* Ursache erklärlich.

Hunde und Katzen können nicht nur gegen eine einzelne Futterkomponente empfindlich sein, sondern auch gegenüber mehreren. Man bezeichnet dies als Kreuzreaktionen. Die Unverträglichkeitsreaktionen äußern sich insbesondere an der Haut und dem Magen-Darm-Trakt. Sie entwickeln sich direkt im Anschluss an die Aufnahme des Allergens (sog. Typ-1-Allergie) oder aber erst nach einiger Zeit (in den meisten Fällen 4 - 24 Stunden nach der Fütterung). Erbrechen und/oder Durchfall (je nach Lokalisation der Reaktion im Magen-Darm-Trakt wässrig, blutig oder schleimig) können allein oder in Kombination mit Symptomen an der Haut (Bildung von kleinen Knötchen, Schwellungen, Juckreiz, Entzündungen) auftreten.

Was löst die Allergie aus?

Allergische Reaktionen auf Nahrungsbestandteile werden am häufigsten durch Eiweißstoffe (Proteine) ausgelöst. Insbesondere Rindfleisch und Sojaprotein scheinen bedeutsam zu sein, aber auch Milch, Geflügelfleisch, Weizen oder Mais. Letztlich kommen alle Eiweiße in Betracht, mit denen ein Tier über längere Zeit gefüttert wird. Vorbehandelte oder erhitzte Produkte können ihre Allergenität* verändern oder sogar verlieren, andererseits ist aber auch nicht auszuschließen, dass neue Antigene entstehen bzw. freigesetzt werden. Im Prinzip muss man davon ausgehen, dass alle Futterkomponenten, die regelmäßig verwendet werden, als Allergieauslöser in Frage kommen. Zusatzstoffe (Farb-, Konservierungsstoffe) können als sog. Haptene, d. h. unvollständige Antigene wirken, werden jedoch nur ganz selten als Ursache für eine Futterunverträglichkeit eindeutig identifiziert. Weiterhin ist bei allergischen Patienten eine Reaktion auf Parasiten (Futtermilben) sowie Hefen und Schimmelpilze im Futter möglich. Treten die Störungen nur zu bestimmten Jahreszeiten auf, so ist zu prüfen, ob der Hund eventuell zeitweise bestimmte Nahrungskomponenten aufnimmt oder aber Kontakt zu saisonalen Allergenen (z. B. Blütenpollen bestimmter Pflanzen) hat (Atopie).

Wie erklärt sich die Reaktion des lmmunsystems?

Die Unverträglichkeit beruht darauf, dass inkomplett verdaute Bestandteile von Futterproteinen in größeren Mengen die Darmwand passieren* und dann im lymphatischen Gewebe des Darms oder anderer Körperregionen eine Intoleranzreaktion hervorrufen. Begünstigend wirken offenbar chronische Entzündungen des Darms, die mit einer gesteigerten Durchlässigkeit der Darmwand einhergehen. Als weitere Faktoren werden die langfristige Aufnahme überhöhter Eiweißmengen und eine geringe enzymatische Abbaubarkeit des Futterproteins angesehen. Vermutlich liegt jedoch bei allergiekranken Tieren zusätzlich ein Regulationsdefekt im Immunsystem vor, der dann zu klinischen Symptomen führt. Bei ihnen kommt es zu einer überschießenden Bildung von „Abwehrstoffen“ des lmmunsystems (sog. Immunglobuline), die bei einem gesunden Tier unterdrückt wird.

Wie lässt sich eine Futtermittelallergie diagnostizieren?

Bislang steht als Referenztest zur sicheren Diagnose einer Futtermittelallergie nur die Eliminations- bzw. Provokationsdiät zur Verfügung (siehe unten). Hauttests (Einspritzen von einzelnen Allergenen in die Haut mit Überprüfung der erfolgenden Reaktion) bzw. Bestimmung von lmmunglobulinen* im Blut sind für sich allein genommen unsicher und können im Einzelfall allenfalls ergänzende Informationen liefern. Dabei ist entscheidend, wie spezifisch der jeweilige Test arbeitet und in welchem Umfang neben dem am häufigsten beteiligten lmmunglobulin E andere Immunglobuline oder -mechanismen eine Rolle spielen. Neben eindeutig immunologisch bedingten Reaktionen auf Futterkomponenten können klinisch nicht zu unterscheidende Symptome auftreten, die auf völlig anderen, nichtimmunologischen Mechanismen beruhen.

Wie wird eine Futtermittelallergie behandelt?

Liegt nachgewiesenermaßen eine Futtermittelallergie vor, so muss das verantwortliche Allergen nach dem Ergebnis entsprechender diagnostischer Maßnahmen (Eliminations- ggf. Provokationsdiät) aus der Diät beseitigt werden. Die Diätetik dient bei Allergiepatienten sowohl der Erkennung der Krankheitsursache als auch der Heilung und erfordert eine konsequente Durchführung. Eingesetzt werden können kommerziell erhältliche Diätfuttermittel mit spezifizierter Zusammensetzung, die bezüglich der Nährstoffversorgung ausgewogen sind und sich einfach handhaben lassen. Manche Patienten erfordern jedoch zeitaufwändige, sukzessiv aufgebaute diätetische Suchprogramme: Zur Erkennung bzw. zum Ausschluss eines Allergens muss eine Eliminationsdiät im Idealfall so gestaltet werden, dass zunächst nur ein einziges Futtermittel verabreicht wird, von dem eine gute Verträglichkeit erwartet werden kann. Die Suchphase sollte für diese erste und jede weitere neue Futterkomponente mindestens 3 Wochen dauern, in Extremfällen ist erst nach 10-wöchiger Fütterungsdauer eine eindeutige Aussage möglich. Wenn der Patient auf dieses eine Futtermittel keine Reaktion zeigt, ergänzt man die Ration nach und nach mit weiteren Futtermitteln, sodass schließlich eine ausgewogene Mischung erreicht wird (Beispiele hierfür siehe Tabelle). Bei einer Suchdiät füttert man zunächst ein Futtermittel, mit dem der Hund oder die Katze bislang noch keinen Kontakt hatte. Hierfür kommen z. B. Fleisch vom Schaf, Kaninchen, Truthahn, eventuell auch Fisch in Frage. In Einzelfällen können auch andere hochwertige Proteinquellen, z. B. Ei oder Milchprodukte, verwendet werden. Um eine ausreichende Energieversorgung bei gleichzeitig nicht zu hoher Eiweißzufuhr zu gewährleisten, empfiehlt sich die Verwendung nicht zu magerer Fleischsorten oder der Zusatz von Fett oder Öl. Werden sehr magere Fleischsorten verfüttert, kommt es bei alleiniger Verabreichung zu erheblicher Ei­weißüberversorgung, was aufgrund der nicht auszuschließenden Permeabilitätsstörungen* der Darmwand nicht erwünscht ist. Wenn sich eine bestimmte Fleischsorte als verträglich erwiesen hat, kann die Ration nach und nach mit anderen Komponenten erweitert werden, wobei Reis die erste Wahl als Kohlenhydratquelle darstellt. Naturreis liefert in ungeschältem Zustand auch ausreichende Mengen an Rohfaser (ca. 9 % Rohfaser). Sofern verträglich, können auch andere Stärketräger verwendet werden. Problematisch kann die Bedarfsdeckende Versorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen werden. Hier kann entweder auf Kalziumphosphat, Kochsalz und eine einmal wöchentlich erfolgende Verabreichung von Leber der Tierart, von der das Muskelfleisch stammt, zurückgegriffen werden oder es erfolgt die Gabe von Mineralfutter mit Vitaminzusatz. Kommerzielle Produkte sind nicht spezifisch auf Allergiepatienten abgestimmt, in einzelnen Fällen können sie daher zu Verträglichkeitsproblemen führen (durch Knochenprodukte, Gelatine, sonstige eiweißhaltige Zusätze). Spezielle Mineralfutter für Allergiepatienten sind auf Anfrage bei Hochschulinstituten erhältlich.

Kommerzielle hypoallergene Diäten lassen sich in vielen Fällen einsetzen und erleichtern die Fütterung von Allergiepatienten beträchtlich. Sie basieren auf definierten Eiweißquellen, die in Standardfutter selten oder gar nicht angeboten werden (Schaf-, Hühner-, Kaninchenfleisch oder Fisch), neuerdings auch auf speziell vorbehandelten Proteinen. Zur Komplettierung des Nährstoffangebots dienen aufgeschlossene Stärke, Getreide, Fette, Mineral- und Vitaminzusätze. Als Alleinfutter stellen sie auch bei langfristiger Anwendung die Versorgung der Tiere sicher, was bei nicht sachge­recht zubereiteten selbst gekochten Diäten nicht gegeben ist.

 

BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

Allergen/Antigen = Stoff, den das körpereigene Abwehr-System als fremd erkannt hat und auf den es reagiert

Allergenität = Maß dafür, wie stark das Immunsystem auf ein Allergen reagiert

Immunglobuline = vom Immunsystem gebildete Stoffe gegen Anigene

Immunsystem = System der körpereigenen Abwehr immunologisch = vom Immunsystem ausgehend

oral = aus dem Lateinischen, über die Mund- oder Maulhöhle

Passage der Darmwand = Im Darm gelangen die verdauten Nahrungsbestandteile durch die Zellen der Darmwand in die Blutbahn.

Permeabilität = Durchlässigkeit

Sensibilisierung = wörtlich: ‘Empfindlichmachung‘. Hierunter versteht man den ersten Kontakt des Immunsystems mit einem Stoff, den es als fremd erkennt (sog. Antigen oder Allergen) und auf den es reagiert. Bei folgenden Kontakten erfolgt diese Reaktion zeitlich deutlich schneller, weil das Immunsystem das Antigen bereits kennt.

 

Beispiele für selbst hergestellte Diäten

für Allergiepatienten (g/100 g Frischsubstanz)

 

Hunde

Katzen

1.  Eiweißreiche Futtermittel 1

Pferdefleisch

Hühnerfleisch

Leber, Lamm

 

 

56,5 2

 

 

45

10

2. Energie liefernde Futtermittel

Reis, geschält

Reis, ungeschält

 

 

30

 

30

10

3. Ballaststoffreiche Futtermittel

Futterzellulose

 

 

1

 

4. Fettergänzung

Pflanzenöl

 

 

10

 

5. Mineralstoffe/Vitamine

Kalziumphosphat

Kalziumkarbonat

jodiertes Kochsalz

 

 

1,75

 

0,75

 

1

0,5

0,5

Umsetzbare Energie (Mi/100 g)

Verdauliches Rohprotein (g/100 g)

Verdauliches Rohprotein/umsetzbare Energie

1,13

11,6

10/1

0,90

13,5

15/1

                                                              

1 alternative Fleischsorten: Pute, Ente, Wild, Ziege, Fisch

2 Vitaminzufuhr über 1 x wöchentliche Zufütterung von Leber der entsprechenden Tierart (anstelle von  Muskelfleisch) bzw. durch Vitaminpräparate, bei nachgewiesener Verträglichkeit der Grundration auch vitaminiertes Mineralfutter versuchen (bei allen Rationsvorschlägen ca. 1,5 % eines Produktes mit ca. 20 % Kalzium anstelle von Kalziumphosphat und jodiertem Kochsalz) 

 

 

Weiterhin viel Spaß auf unseren Webseiten - 21.04.2007 - © rooster

 

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