HILFE, MEIN TIER WIRD BLIND

LEBENDE TIERWELT – Tierärztlicher Ratgeber für Tierfreunde - 01/2002

Über Bekämpfungsprogramme und Untersuchungstechniken bei erblichen Augenerkrankungen von Hund und Katze.

 von Dr. med. vet. Heinrich Grußendorf

 Fee vom Märchenwald ist eine selbstbewusste, hübsche Pudeldame im Alter von 4 Jahren. Seit einiger Zeit zeigt sie bei den spätabendlichen Spaziergängen ein geändertes Verhalten. Sie rennt nicht mehr freudig vor und untersucht die Gegend, sondern verbleibt fast ängstlich in der Nähe von Frauchen. Ihre Besitzerin überlegt lange, ob etwas Besonderes vorgefallen ist und Fee vielleicht eine schlechte Erfahrung gemacht hat. Jetzt ändert Fee ihr Verhalten aber auch tagsüber und rennt manchmal gegen Gegenstände, als ob sie nicht mehr richtig sieht. Eine Untersuchung beim Tierarzt ergibt die vernichtende Diagnose progressive Retinaatrophie*, abgekürzt PRA. Dabei handelt es sich um einen fort­schreitenden Schwund der Netzhaut, in der die Sinneszellen (Photorezeptoren) für das Sehen liegen. Zuerst sterben die für das Nachtsehen verantwortlichen Stäbchen und dann die für das Tagsehen zuständigen Zapfen. Die Ursache ist ein angeborener Enzymdefekt*, durch den die bei der Umwandlung von Licht in Nervenimpulse entstehenden Stoffwechselschlacken nicht richtig abgebaut werden. Die Photorezeptoren sterben durch diese „Giftstoffe" langsam ab. Fee wird also in kurzer Zeit vollständig erblinden und es gibt keine Möglichkeit dies zu verhindern oder auch nur zu verzögern.

Der Kampf gegen die Erbkrankheiten

Die PRA ist eine von vielen erblich bedingten Erkrankungen, die wir bei Hund und Katze finden und die von verantwortungsvollen Zuchtverbänden und Züchtern bekämpft werden. Um hierbei aber Erfolg zu haben, bedarf es bestimmter Voraussetzungen. Die erste ist eine gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Züchtern, Zuchtvereinen, Tierärzten und Erbforschern (Genetiker). Nur wenn die Züchter ehrlich sind, die Zuchtvereine bereit sind, auch hoch prämierte Tiere von der Zucht auszuschließen, die Tierärzte sichere Diagnosen stellen und die Genetiker aufgrund der vorliegenden Daten ein durchführbares Tilgungsprogramm vorschlagen und dieses konsequent umgesetzt wird, werden sich Erfolge erzielen lassen. Es gibt Zuchtvereine, deren Konsequenz bei dem Ziel, gesunde Hunde zu züchten, unsere Hochachtung verdient. Auf der anderen Seite finden sich aber auch viele schwarze Schafe, die aus falsch verstandener Eitelkeit oder finanziellen Erwägungen die Tatsachen totschweigen und im alten Trott weitermachen. Der Käufer von reinrassigen Welpen sollte sich vor dem Kauf sehr gut informieren, um sich hinterher Enttäuschungen zu ersparen.

Bei der Zucht rein rassiger Tiere kann man gewünschte Zuchtziele durch Anhäufung von positiven Genen erreichen, indem man Tiere miteinander kreuzt, die diese Erbanlagen tragen. Es besteht aber die Gefahr, dass damit auch unerwünschte Gene verstärkt vorkommen. Um dies zu verhindern und Erbkrankheiten auf Dauer zu tilgen, gilt es, hiermit behaftete Zuchttiere durch konsequente Untersuchung zu erkennen und aus der Zucht auszuschließen. Alle Krankheiten, die wir bei Rassetieren finden, gibt es auch bei Mischlingen, denn aus diesen sind ja alle Rassetiere ursprünglich gezüchtet worden. Bei den Mischlingen besteht natürlich keine Möglichkeit, durch eine konsequente Zuchttierauswahl Erbkrankheiten zu bekämpfen, deshalb werden sie bei diesen Tieren immer bleiben.

Untersuchung des Auges und Diagnosestellung

Um die bei Augenerkrankungen auftretenden Veränderungen erkennen zu können, bedarf es spezieller Geräte. Dies sind:

Die Handspaltlampe. Sie ist ein Biomikroskop mit gerichtetem Licht und dient dazu, die äußeren Abschnitte des Auges, die Augenlider, die Lidbindehäute, die Hornhaut und die inneren Augenabschnitte bis zur Linse zu untersuchen (siehe Abb. 1). Eine bis zu 20-fache Vergrößerung macht kleinste Veränderungen sichtbar. Mit dem gerichteten Licht kann man auch geringste Trübungen erkennen. Der Effekt von gerichtetem Licht ist jedem von folgendem Phänomen bekannt: Scheint die Sonne durch das Fenster, sieht man plötzlich den Staub in der Luft tanzen. Dies nennt man Tyndall-Effekt.

Das indirekte Ophthalmoskop* ist besonders für die Untersuchung des Augenhintergrundes mit der Netzhaut geeignet. Durch Linsen mit unterschiedlicher Dioptrie erreicht man mehr Überblick oder stärkere Vergrößerungen.

Zur Messung des Augeninnendrucks findet heute überwiegend der sog. Tonopen Anwendung. Hierbei handelt es sich um ein kleines, stabförmiges Gerät, das einen Minicomputer enthält. Nach oberflächlicher Betäubung der Hornhaut durch spezielle Augentropfen wird der Tonopen mehrmals auf die Hornhaut aufgetupft. An seinem Display kann man den Augeninnendruck ablesen.

Für die Untersuchung des Kammerwinkels (Abb. 1) wird eine Linse auf die Hornhaut gesetzt. Im Kammerwinkel befindet sich der sichtbare Teil der Abflusswege des Kammerwassers*. Man bezeichnet diese Struktur als Ligamentum pectinatum. Eine mangelhafte Ausbildung kann durch ungenügenden Abfluss des Kammerwassers zu einem erhöhten Augeninnendruck (Glaukom, „grüner Star") führen. Veränderungen in allen Abschnitten des Auges lassen sich mit speziellen Augenkameras dokumentieren.

Es entstehen aber immer nur sehr kleine Ausschnitte des Ganzen, sodass diese Aufnahmen nicht wie Röntgenaufnahmen bei erblichen Gelenkerkrankungen zur Beurteilung von externen Gutachtern herangezogen werden können. Bei unklaren oder angezweifelten Befunden wird deshalb im Allgemeinen ein Obergutachten von drei erfahrenen Ophthalmologen* erstellt, die das Tier persönlich untersuchen und dann gemeinsam ein Urteil erstellen. Um mit den beschriebenen Geräten sicher Befunde erheben zu können, bedarf es sehr viel Übung. Ein großes Problem ist, dass die gleichen Veränderungen, die bei einer Rasse Zeichen einer Erbkrankheit sind, bei anderen Rassen zufällige Befunde einer individuellen Abweichung von der Norm darstellen und für die Vererbung keine Bedeutung besitzen. Darum muss der Untersucher neben Übung auch ein fundiertes Wissen haben, das weit über das im tierärztlichen Studium vermittelte hinausgeht.

 

Begriffsbestimmungen

Enzym = Stoff, der chemische Reaktionen ermöglicht

Kammerwasser = Flüssigkeit, die sich in der vorderen und hinteren Augenkammer (siehe Abb. 1) befindet und für den Augeninnendruck von maßgeblicher Bedeutung ist,

Ophthalmoskop = Augenspiegel

Ophthalmologe = Fach(tier)arzt für Augenheilkunde

progressive Retinaatrophie = fortschreitender Schwund der Retina (= Netzhaut des Auges)

 

Info

www.dok-vet.de

Homepage des Dortmunder Ophthalmologen-Kreises (DOK) mit vielen Links

Tierärzte mit der Zusatzbe­zeichnung Augenheilkunde

zu erfragen bei den Tierärztekammern des jeweiligen  Bundeslandes oder im Online-Tierärzteverzeichnis des Bundesverbandes Praktischer Tierarzte e.V. unter www.tieraerzteverband.de (dort gibt es auch die Adressen der Tierärztekammern)

 

Fortsetzung

In der nächsten Ausgabe der Lebenden Tierwelt lesen sie über die wichtigsten erblichen Erkrankungen des Auges bei Hund und Katze.

 

Weiterhin viel Spaß auf unseren Webseiten - 21.04.2007 - © rooster

 

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