WIE MAN WOHNUNGSKATZENEIN NORMALES VERHALTEN ERMÖGLICHT

von Dipl.-Zoologin und Verhaltensforscherin Rosemarie Schär

Katzen müssen in ihrem Lebensraum artgemäß beschäftigen und ihren persönlichen Stil entwickeln können, dann ist ihr Leben katzengerecht. Dazu muss der Katzenbesitzer allerdings die katzentypischen Bedürfnisse kennen. Wenn er sich einfach als Mensch in die Katze hineindenkt wird erden Katzen nicht gerecht er riskiert die Entwicklung von Verhaltensproblemen und Verhaltensstörungen.

Bedauerlicherweise werde Katzen auch heute noch of als "pflegeleichte" Haustier bezeichnet, als Tiere, die eh de ganzen Tag schlafen, die man somit auch ruhig, tagsüber allein in de Wohnung lassen könne. Kein Wunder, dass Langeweile eine häufig Ursache von Verhaltensprobleme bei Wohnungskatzen ist! Wohnungskatzen benötigen nahezu den gleichen Aufwand an Betreuung wie Hunde ‑ nur die Spaziergänge bei jeder Witterung entfallen. Sie stelle sehr hohe Ansprüche an ihre Umgebung, müssen intensiv beschäftig werden und brauchen außer den Besitzern in der Regel auch noch andere Sozialpartner.

Persönlichkeitsmerkmale

Katzen unterscheiden sich in fas allen Verhaltensbereichen mehr oder weniger von ihren Artgenossen. Si können einen speziellen Schlafstil haben, sie können in ihrem Verhalte gegenüber Artgenossen dadurch auffallen, dass sie sich in Konflikt, einmischen und sie durch dies Einmischung beenden (peacemaker), kastrierte Katzen könne liebevolle Babysitter für Jungkatze sein usw. Diese Persönlichkeitsmerkmale sind teilweise schon bei den Jungtieren vorhanden, aber noch nicht deutlich sichtbar, sie entwickeln sich aber auch erst später durch die umweltbedingten Einflüsse. Wer sehr starre Erwartungen an eine Katze stellt, sollte sich nicht unbedingt ein Jungtier, sondern viel eher eine erwachsene Katze anschaffen, deren Persönlichkeit schon deutlich sichtbar ist. 

Mensch‑Katze­Beziehung

Katzen müssen zwischen der zweiten und siebten Lebenswoche an den Körperkontakt mit Menschen gewöhnt werden, damit sie sich zu zutraulichen Tieren entwickeln. Es ist unwichtig, wer die Jungtiere an den freundlichen Umgang mit Menschen gewöhnt, wichtig ist, dass sie während dieser für Lernerfahrungen mit Menschen sensiblen Zeit sozialisiert werden. Im Idealfall widmet sich der Besitzer des Muttertieres durch regelmäßiges Streicheln und Füttern der Jungtiere, durch Gespräche und Spiele dieser Aufgabe, da Jungtiere möglichst während 10 bis 12 Wochen mit Mutter und Geschwistern aufwachsen sollten. Es ist ratsam, die Jungtiere an den Kontakt mit Frauen, Männern und Kindern zu gewöhnen. Nach der siebten Lebenswoche sind Jungkatzen oft nur noch mit sehr viel Geduld und nur noch begrenzt zu zähmen. Handscheue Katzen sind meistens Tiere, die keine optimale Sozialisierungszeit gegenüber Menschen hatten, Handscheu ist bei Katzen eher selten auf schlechte Erfahrungen zurückzuführen.

Zutrauliche Katzen verhalten sich gegenüber ihren vertrauten Menschen ähnlich wie innerartlich sozialisierte Katzen gegenüber Artgenossen, zu denen sie ein freundschaftliches Verhältnis haben. Sie suchen den Kontakt zum Halter bei allen Aktivitäten (Abwasch, Bettenmachen, Schreiben, Lesen, Malen, auf der Toilette etc.), sie liegen gerne mit ihm in Körperkontakt, sie belecken ihn, sie spielen mit ihm, sie beriechen ihn, sie strecken ihm mit besten Absichten ihr Hinterteil zur Geruchskontrolle vor die Nase, sie tragen ihm Beutetiere (Fliegen, Spielzeugmäuse) und Beuteobjekte (Socken, Unterwäsche, Bälle) als freundliche Gaben zu, und sie geben ihm gelegentlich auch zu verstehen, dass sie für sich sein wollen.

Man unterscheidet bei den zutraulichen, auf Menschen sozialisierten Katzen zwischen zwei Typen, dem initiativfreundlichen Typ, der enge Körperkontakte mit Menschen schätzt, sich gerne herumtragen und drücken lässt, und dem zurückhaltend‑freundlichen Typ, der sich gegen das Hochheben sträubt, der lieber spielt und Gespräche mit dem Halter führt. Sehr aktive Jungtiere, die viele Fluchtversuche vom Schoß der Betreuer machen, haben später weniger enge Bindungen an Menschen,

Auch heute wird noch oft behauptet, Katzen seien weniger an den Menschen als vielmehr an ihre Umgebung gebunden. Das hängt von der Qualität der einzelnen Mensch‑Katze‑Beziehung ab. Wer sich nur ab und zu mit seiner Katze beschäftigt, und sie vor allem sich selber überlässt, muss sich natürlich nicht wundern, wenn ihr die Umgebung wichtiger ist als der Halter. Wer sich sehr intensiv mit Katzen beschäftigt weiß, dass Katzen sehr anhänglich sein können, um ihre Halter trauern, protestieren, wenn sie zu lange wegbleiben, eifersuchtsähnliches Verhalten an den Tag legen können. Dass gewisse Katzen nach Umzügen entweichen und an den alten Ort zurückkehren, hat oft weniger mit einer mangelhaften Bindung an den Besitzer, als damit zu tun, dass ihre Anpassungsfähigkeit arg strapaziert wird, wenn man sie schon nach wenigen Tagen ins Freie lässt, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre neue Umgebung von einem vor Feinden gesicherten Ort aus kennen zu lernen und sich die dafür nötigen Orientierungshilfen (Hörbild) anzueignen.

Raumansprüche

Wohnungskatzen sollten nicht in beliebig kleinen Wohnungen gehalten werden. Wenn man ihrem Bedürfnis nach Intimsphäre und nach Abwechslung gerecht werden will, sollte man ihnen mindestens eine Zweizimmer‑Wohnung ohne Tabuzonen zur Verfügung stellen. Es ist kaum sinnvoll, so kleine Lebensräume noch zusätzlich durch ein Schlafzimmerverbot zu verkleinern. Außerdem sollte gerade der berufstätige Halter daran denken, dass er die Katze durch das Schließen der Schlafzimmertür nicht nur während der Arbeitszeit, sondern während gut 16 Stunden pro Tag alleine lässt. Außerdem schlafen Katzen gerne in Körperkontakt mit Sozialpartnern, zu denen sie ein freundschaftliches Verhältnis haben. Dieses stundenlange Kontaktliegen lässt sich mit menschlichen Sozialpartnern am besten im Bett bewerkstelligen. Dass Katzen das Bett ihrer Besitzer als Schlafplatz zu schätzen wissen, hat auch damit zu tun, dass es aus Katzenperspektive betrachtet die optimalen Eigenschaften Wärme, Trockenheit, Schutz und erhöhte Lage aufweist und zudem noch intensiv nach den Menschenpartnern riecht ‑ und bei Katzen läuft bekanntlich noch ein erheblicher Anteil der Kommunikation über Gerüche. Hier noch ein Tipp: Katzen wissen es sehr zu schätzen, wenn getragene Nachthemden oder Pullover nicht fein säuberlich weggeräumt, sondern auf Betten und Stühlen liegengelassen werden. Auf diese Weise ist der Besitzer bei Abwesenheit wenigstens geruchlich zu Hause und die Katze kann sich auf seine Kleidung legen.

Übrigens allzu viel an menschlicher Ordnung ist nicht Katzensache, etwas Unordnung macht ein Leben in der Wohnung viel abwechslungsreicher und regt zum Erkunden an ‑ deshalb sind eher Kinderzimmer, in denen gewöhnlich eine "biologische Ordnung" herrscht, Speicher und Abstellkammern für Katzen ausgesprochen attraktiv. Bei Hausbesuchen fällt mir immer wieder auf, dass die Katzen zwar meistens über genügend geeignete Schlafplätze, aber kaum über Schlupfwinkel und Verstecke verfügen können. Dies gilt besonders für modern eingerichtete Wohnungen. Jede Katze, selbst sehr zutrauliche Tiere, haben von Zeit zu Zeit das Bedürfnis für sich zu sein". Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich Katzen in Verstecken viel besser von Stress erholen können. Große Schachteln und Holzkisten lassen sich sehr gut zu Höhlen und Verstecken umfunktionieren.

Beschäftigung

Schachteln können aber auch sehr sinnvoll zur Anregung des Erkundungsverhaltens und teilweise auch des Jagdverhaltens eingesetzt werden. Katzen erkunden ihre Umgebung mit Augen, Ohren und Nase. Der Besitzer der Wohnungskatze muss also einerseits durch ein Angebot an erhöhten Sitz‑ (Büchergestell, Kletterbaum), an Fenster‑ und Balkonplätzen für die Erweiterung des optischen Horizontes und andererseits durch ein wechselndes Angebot von Schachteln für geruchliche Abwechslung in der Wohnung sorgen. Freilaufkatzen gehen täglich während mehreren Kontakt zu anderen Katzen sucht Stunden auf die Jagd ‑ unabhängig oder ob sie ihnen eher aus dem Weg davon, ob sie hungrig sind oder nicht. geht, hängt hauptsächlich mit den Die Jagdaktivitäten müssen der Erfahrungen zusammen, die sie als Wohnungskatze also angemessen ersetzt werden. Fellmäuse, aber auch aufziehbare Land‑ und Wassertiere sind angemessene Beuteattrappen. Da die eigentlichen Jagdaktivitäten bei Katzen in der Regel erst durch die Bewegung der Beute aus­ gelöst werden, muss der Halter die Spielzeuge für die Katze in Gang halten. Um dem Bedürfnis nach Jagdaktivität gerecht werden, müsste Halter der einzeln gehaltenen Wohnungskatze während mindestens einer Stunde pro Tag Jagdspiele durch­ führen. Dies ist erfahrungsgemäß aber selten angemessen der Fall. Einzelne Wohnungskatzen lang­weilen sich also recht häufig, zumal dann, wenn sie zudem auch oft alleine gelassen werden. Da nach neueren Erkenntnissen zahlreiche Katzen sich gegenüber anderen Katzen recht gesellig verhalten, ist es also ratsam, Wohnungskatzen nicht einzeln, sondern zusammen mit passenden Artgenossen zu halten. 

Zwei Katzen

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren aufgezeigt, dass Katzen oft gar nicht so einzelgängerisch sind, wie man lange gemeint hat. So gibt es auf Bauernhöfen Katzen, die ohne äußeren Zwang freundschaftliche Beziehungen zu den Katzen ihrer Gruppe auch außerhalb der Fortpflanzungszeit pflegen. Diese Tiere schlafen stundenlang in engem Körperkontakt, sie belecken sich gegenseitig, sie spielen zusammen, sie suchen die Nähe der ihnen vertrauten Artgenossen bei den meisten Aktivitäten auf dem Bauernhof, und sie tragen gelegentlich auch Konflikte mit Krallen und Zähnen aus. Ob eine erwachsene Katze den freundlichen Kontakt zu anderen Katzen sucht oder ob sie ihnen eher aus dem Weg geht, hängt hauptsächlich mit den Erfahrungen zusammen, die sie als Jungtier gemacht haben. Jungtiere, die bei ihrer Kontaktsuche regelmäßig auf freundliches Entgegenkommen anderen Katzen stoßen, verhalten sich als erwachsene Tiere meist freundlicher gegenüber Artgenossen als Katzen, die isoliert von Artgenossen aufgewachsen sind oder bei den anderen Katzen keine freundliche Aufnahme gefunden haben. Wohnungskatzen, die gut zusammen passen, verhalten sich genauso freundlich gegenüber den Artgenossen des gleichen Haushaltes wie soziale Bauernkatzen. Sie schlafen eng umschlungen, sie machen Jagd und Verfolgungsspiele, sie beobachten zusammen die Vögel auf den Nachbarsdächern sie prügeln sich gelegentlich.

Wer passt nun aber zu wem? In der Regel passen Jungtiere gut zusammen. Auch die Einführung von Jungtieren zu erwachsenen Katzen verläuft gewöhnlich problemlos, wenn der Altersunterschied nicht mehr als acht Jahre beträgt und die Kindermerkmale der Jungtiere (drei bis fünf Monate) noch deutlich sind. Jungtiere stellen nämlich für erwachsene Katzen keine Bedrohung dar, noch stellen sie deren Rang in Frage. Männchen und Weibchen sind nicht immer die idealen Sozialpartner, weil Männchen mit ihren Sozialpartnern oft grob umgehen und sich bei Erreichen der Geschlechtsreife häufig gegenüber Artgenossen in Szene setzen, groß tun, den "Macho" raushängen. Weibchen mögen weder grobe Rangeleien, wenn sie nicht von klein an daran gewöhnt sind, noch können sie in vielen Fällen die kleinen Gernegroße in ihre Grenzen zurückweisen. Selbst Muttertiere lassen sich manchmal von ihren halbstarken Söhnen terrorisieren. Es ist also besonders wichtig, bei der Auswahl einer zweiten Katze die Eigenschaft Selbstsicherheit der beteiligten Tiere gegeneinander abzuwägen. Wenn man erwachsene Katzen zusammenführen will, sollten die Tiere unbedingt gegenüber Artgenossen sozialisiert sein, bei menschenscheuen Tieren ist dies sehr oft der Fall, da diese Katzen in Schrebergärten, Fabrikarealen, Friedhöfen in innerartlich sozialen Gruppen heranwachsen. Auch bei einer guten Wahl ist es aber durchaus möglich, dass in der Integrationssituation gefaucht, geknurrt und bei Unterschreitung der individuellen Distanzen sogar geohrfeigt wird. Bleibt es bei dieser aus Katzensicht harmlosen Aggression, ist es ratsam, dass der Besitzer sich möglichst raus hält, keine Partei ergreift. Ansonsten sollte die alteingesessene Katze von den Haltern bevorzugt behandelt werden, da es sonst zu Protestaktionen kommen kann.

 

Weiterhin viel Spaß auf unseren Webseiten - 21.04.2007 - © rooster

 

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